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Hans Leyendecker zusammen mit der PresseClub-Vorsitzenden Claudia Gorille und Stellvertreter Andreas Mier. Foto: Jörg Scheibe
 
Der Journalist Hans Leyendecker hat sich einen Namen als »Chef-Aufklärer der Republik« gemacht. Kaum ein anderer hat mehr Skandale und Affären in Politik und Wirtschaft aufgedeckt als er: die Flick-Affäre, den CDU-Parteispendenskandal, die Libyen-Affäre und viele andere. Leyendecker ist Leiter des Investigativ-Ressorts der Süddeutschen Zeitung. Am 3. November sprach er vor dem Presseclub Braunschweig.

 

Was ist »Investigativer Journalismus«?

 

Investigativ-Journalismus zeichnet sich nach den Worten von Hans Leyendecker nicht nur durch langwierige und umfassende Recherchen aus, sondern auch durch eine große wirtschaftliche Bedeutung der Affären. »Tageszeitungen, die sich ein Investigativ-Ressort zulegen, tun dies einerseits aus Marketinggründen, weil es zur Imageverbesserung beiträgt.« Andererseits habe der Investigativbereich dazu geführt, dass manche Recherche deutlich gründlicher in Angriff genommen werde als früher.

 

Leyendecker zum Waffenhandel und zur DFB-Affäre

 

Was reizt Hans Leyendecker an der Aufdeckung großer Skandale? Die menschlichen Abgründe? Gier? Korruption? »Es kommt darauf an«, sagt Leyendecker und geht zunächst auf seine Enthüllungen zum Waffenhandel deutscher Firmen im Nahen Osten zur Zeit Saddam Husseins ein. Hussein sei sowohl mit Chemie-Waffen als auch mit Reichweitenverlängerungs-Raketen und Gas-Ultra-Zentrifugen für den Atomwaffenbau ausgerüstet worden. »Mit der Aufdeckung dieser Vorgänge hat man als Journalist natürlich kein Problem.«

 

Anders sehe es dagegen bei der DFB-Affäre aus. »Jemand wie der Ex-DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt, gegen den gerade ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden ist, muss befürchten, für die Millionenzahlungen vom DFB in Regress genommen zu werden.« Dies sei deshalb tragisch, weil Schmidt beim DFB über viele Jahre sehr vernünftige Dinge gemacht habe. Leyendecker: »Wie kann man da irgendeine Form von Genugtuung empfinden?«

 

Was den Fall Gebauer vom Fall Wulff medial unterscheidet

 

Kann man einem Mandanten über aktive Medienarbeit helfen? »Das ist durchaus möglich«, erläutert Leyendecker und verweist im Zusammenhang mit der Lustreisen-Affäre bei VW auf den Fall des Ex-Personalmanagers Klaus-Joachim Gebauer. Durch eine offensive Medienarbeit sei es dessen Anwalt Wolfgang Kubicki gelungen, dass Gebauer im Prozess gegenüber anderen namhaften Beteiligten in einem etwas anderen Licht gesehen wurde, da plötzlich viele Zweifel an der Funktion Gebauers im Raum gestanden hätten. Dies sei der Prozessstrategie Kubickis zu verdanken gewesen. Sie habe Gebauer vermutlich davor bewahrt, »verprügelt« zu werden. Eine andere Prozessstrategie habe dagegen der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff, der selbst Rechtsanwalt ist, gewählt. »Wulff hat jegliche Form von Kooperation abgelehnt«, so Leyendecker. Dadurch sei es nicht möglich gewesen, Einsicht in die Prozessakten zu nehmen, mit der Folge, dass eine Phalanx aus Spiegel, Focus, FAZ, Stern und Bildzeitung ihn mit immer neuen Details und Mutmaßungen gejagt habe. »Wulff wäre besser damit gefahren, wenn er eine Einsichtnahme ermöglicht hätte. Dann wäre nämlich deutlich geworden, dass es auch in diesen Akten zahlreiche Absurditäten gegeben hat«, meint Hans Leyendecker. Im Übrigen kenne er viele Fälle von »Mandantenverrat«, bei denen Anwälte die Prozessführung nach ihren Vorstellungen »hinbiegen«.

 

Früher waren die Journalisten ideologischer

 

Wie hat sich aus der Sicht von Hans Leyendecker, der seit über 40 Jahren Journalist ist, der Berufsalltag verändert? Ist der Zeitdruck größer geworden? Gibt es andere Recherchemethoden oder haben sich ganz allgemein die Erwartungen an die Journalisten geändert? Leyendecker ging zunächst auf seinen Werdegang ein. Er habe das große Glück gehabt, als junger Mensch beim Spiegel arbeiten zu dürfen. »Ich habe 1979 dort angefangen, bereits zwei Jahre später kam die Flick-Affäre. Ein wirklich großer Fall mit enormer staatspolitischer Bedeutung.« Im Vergleich zu früher habe sich die Arbeit in den Redaktionen »rasend beschleunigt«, nicht zuletzt durch die Wünsche der Online-Redaktionen, resümiert Hans Leyendecker und weist auf einen weiteren großen Unterschied hin. »Damals ging es in den Redaktionen ideologischer zu«, betont Leyendecker, der sich nach wie vor als 68er fühlt. »Dem, was wir damals gefordert haben, habe ich nicht abgeschworen. Trotz mancher Verirrungen, etwa was Kambodscha angeht, kann ich mich mit vielen Ideen immer noch identifizieren, zum Beispiel mit den Veränderungen an den Universitäten.« Leyendecker setzt sich heute bei den Journalisten seines Ressorts nachdrücklich dafür ein, dass diese nicht mit einer vorgefassten Meinung, sondern »ergebnisoffen« an die Themen herangehen. Jüngere Kollegen hätten ohnehin ein anderes Verständnis von Journalismus und verfügten über eine größere internationale Erfahrung.

 

»Das Internet ist ein Geschenk«

 

Welche Bedeutung hat für einen Investigativ-Journalisten die Online-Recherche? Hans Leyendecker macht seine Erfahrungen an einem Beispiel deutlich: Beim ersten Golfkrieg habe er für den Spiegel eine Geschichte über die Reichweitenverlängerung von Scud-B-Raketen gemacht, eine Mittelstreckenrakete, die dann durchaus auch für Tel Aviv zur Bedrohung hätte werden können. Ein deutsches Unternehmen hatte dazu einen Spezialofen in den Irak geliefert. Nach der Veröffentlichung habe das Unternehmen geklagt und sich darauf berufen, dass der Ofen ausschließlich für zivile Zwecke einsetzbar sei. Die Suche nach einem Raketen­spezialisten als Prozess-Gutachter sei alles andere als einfach gewesen. Dieser habe dann bestätigt, dass der Spezialofen ausschließlich militärischen Zwecken diente. »Heute bräuchte ich nur ins Internet zu schauen und hätte nach einer halben Stunde sieben verschiedene Raketenspezialisten ausfindig gemacht, darunter den Scud-B-Spezialisten schlechthin«, berichtet Leyendecker, »dass uns das Internet diese Möglichkeit bietet, ist ein Geschenk.« Bei Twitter und Facebook ist Hans Leyendecker eher zurückhaltend. »Es ist zum Teil auch Zeitverschwendung«, urteilt der 66-Jährige, »ich begreife schon, dass das ein ganz wichtiger Bereich ist, im Besonderen was die Möglichkeiten des Datenjournalismus angeht. Vieles bekommt man mit herkömmlicher Recherche nicht mehr hin.« Den Social-Media-Bereich will Leyendecker aber auch künftig seinen jüngeren Kollegen überlassen.

 

Hat die Presse ein Glaubwürdigkeitsproblem?

 

Lassen Sie uns über das Thema »Lügenpresse« sprechen, Herr Leyendecker. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag des Stern, stimmen 24 Prozent der Aussage zu, dass die Medien von oben gesteuert werden. Hat die Presse ein Glaubwürdigkeitsproblem? »In einer Rangliste der angesehenen Berufe nahmen die Journalisten ja immer schon einen der letzten Plätze ein«, so Leyendecker. Wahrheitsgemäß zu berichten, sei eben nicht immer einfach gewesen. Dafür gebe es viele Beispiele. »Warum sind die Amerikaner im Irak einmarschiert? Weil Saddam Hussein nicht nur Bio- und Chemiewaffen hatte, sondern auch die Atombombe vorbereitete und enge Beziehungen zu Al-Qaida unterhielt. Das waren die Gründe, die uns die Amerikaner nannten. Keiner davon hat gestimmt«, erinnert Leyendecker an die »Lügengeschichten« des amerikanischen Verteidigungsministers Donald Rumsfeld und seines Stellvertreters Paul Wolfowitz. Auch die Finanzkrise sei von Niemandem im Journalismus ernsthaft so vorausgesehen worden. Und im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine hätten viele Menschen ebenfalls die Glaubwürdigkeit der Medien angezweifelt: »So ist das mit den Russen und der Ukraine nicht«, sagen sie. Andererseits hätten die Korres­pondenten in Moskau große Schwierigkeiten, wahrheitsgetreu zu berichten, weil sie sofort attackiert würden.
Beitrag von Jochen Hotop  /  21. Januar 2016  /  Drucken  /  Fehler melden  /  Erschienen bei presseclub-braunschweig.de / © PresseClubBraunschweig