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Sven Gábor Jánszky (Fotos von Marek Kruszewski)
 
Ob in der Tapete, im Spiegel, in der Brille oder in der Tischplatte - Displays werden unser Leben im Jahre 2025 entscheidend bestimmen. Im Hintergrund arbeiten dabei ständig intelligente elektronische Assistenten, die unsere Wünsche kennen und uns entsprechende Angebote machen. Von diesem Szenario geht der Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky aus. Er gilt als Shooting-Star unter Deutschlands Trendforschern und befasst sich vor allem mit der zukünftigen Entwicklung von Technologien. Jánszky sprach am 6. Mai vor dem PresseClub Braunschweig. "Versicherungs- und Handelsunternehmen rennen uns die Tür ein, weil sie merken, dass sie durch die elektronischen Assistenzsysteme und die zunehmende Vernetzung auf allen Ebenen den Kundenkontakt verlieren können", sagt Jánszky, der seit 12 Jahren mit den Chefs der deutschen Wirtschaft die Technologien der Zukunft diskutiert und dessen Trendanalysen und Strategieempfehlungen die Zukunftsdiskussionen vieler Branchen prägen. Jánszky: "Es wird erstaunlich offen darüber diskutiert, wie die Märkte in zehn Jahren aussehen könnten. Was in zwei bis drei Jahren zu erwarten ist, darüber hüllt man sich allerdings aus verständlichen Gründen in Schweigen."

Was Versicherungen und Handel so besorgt macht: Es genügt nach den Worten von Sven Gábor Jánszky künftig nicht mehr, die Infrastruktur zu besitzen, man muss gleichzeitig auch die Macht über die Daten haben, sonst verliert man das Geschäft. "In ein paar Jahren werden sich die Geräte miteinander ›unterhalten‹ und uns Angebote machen, ohne dass wir bei Google ein Stichwort eingeben müssen. Das wird unser Kommunikationsverhalten noch einmal grundlegend verändern."

Der Fernseher der Zukunft, so Jánszky, werde mit Hilfe einer speziellen Software in der Lage sein, unsere Sehgewohnheiten zu analysieren und daraus ein Bedürfnisprofil zu erstellen, das für unser "Wunsch-Fernseh- und Radioprogramm" sorgt. Auf die Frage eines Presseclub-Mitglieds, wer diese Geräte denn kaufen soll, antwortete Jánszky: "Sie!" An einem Beispiel macht der 41-jährige Trendforscher klar, wie schwer es ist, sich dem gesellschaftlichen Wandel zu verschließen. "Wer kann es sich heute schon leisten, auf E-Mails zu verzichten." Und die Industrie treibe technische Innovationen schon deshalb voran, weil sie Produkte verkaufen und die Entwicklung nicht verschlafen will. Tragbare Mini-Computer wird es künftig nicht nur in Smartphones geben, sondern auch in Uhren und Brillen. Fernbedienung, Tastatur und Maus gehörten dagegen wohl bald der Vergangenheit an. Jánszky: "In Zukunft steuern wir unsere Technik mit Gesten, Augen und Gedanken." Welche Ausmaße das Internet der Zukunft haben wird, demonstrierte der Trendforscher anhand einer Wohnung, in der die digitale Technik dominiert, zum Beispiel mit Displays, die über eine ganze Wand gehen.

Große Veränderungen werde es auch in der Arbeitswelt geben. Jánszky: "In den nächsten zehn Jahren verliert der Arbeitsmarkt in Deutschland durch den demografischen Wandel 6,5 Millionen Menschen. Was auf den ersten Blick nach Vollbeschäftigung aussieht, ist in Wirklichkeit eher besorgniserregend, weil die Unternehmen kaum noch qualifizierte Mitarbeiter finden." Selbst wenn es mit Hilfe von politischen Programmen gelingt, die Erwerbstätigkeit von Frauen zu erhöhen und vermehrt qualifizierte Einwanderer ins Land zu holen, bleibt nach Jánszkys Prognose eine Lücke zwischen 2 und 5,2 Millionen nicht besetzbarer Stellen. Dadurch würden sich die Machtverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt gravierend verändern. Die Bedeutung von Langzeit-Anstellungsverhältnissen, die heute noch dominierten, werde erheblich abnehmen und nach dem Jahr 2020 lediglich noch einen Anteil zwischen 30 und 40 Prozent haben. Dagegen rechnet Jánszky bei den Selbstständigen mit einer Verdoppelung von 10 auf 20 Prozent. Die größte Veränderung werde es aber bei den "Projektarbeitern" geben, jenen gut ausgebildeten Mitarbeitern, die sich in Zukunft ihre Arbeitgeber aussuchen könnten. Sven Gábor Jánszky schätzt ihren Anteil im Jahr 2025 auf 40 Prozent.

"Für die Unternehmen ist diese Entwicklung dramatisch", ist der Trendforscher überzeugt, "sie werden sich eine Menge guter Dinge ausdenken müssen, um ihre besten Mitarbeiter zu halten". Als Beispiel nannte er die Betreuung pflegebedürftiger Eltern. Jánszky setzt als "einzige realistische Lösung" für den Arbeitsmarkt der Zukunft auf die älteren Menschen, deren durchschnittliche Lebenserwartung bald bei knapp 90 Jahren liegen werde. "Was machen Sie zwischen 60 und 90?", fragt der Zukunftsforscher, "wird ständiger Urlaub nicht irgendwann langweilig?" Vermutlich, so seine Einschätzung, werden sich viele dafür entscheiden, bis 75 oder 80 zu arbeiten.
Beitrag von Jochen Hotop  /  21. Mai 2014  /  Drucken  /  Fehler melden  /  Erschienen bei presseclub-braunschweig.de / © PresseClubBraunschweig